Deutsche Schule Mogadischu 1985-90

Reise nach in den Norden Hargeisa

zu

Deutsches Komitee Not-Ärzte e.V.

Ostern 1986

Reisevorbereitung:

Wartung des Wagens, er sollte eine lange Fahrt durchhalten.

Ich musste damit rechnen, dass ich für die ca. 3400 km hin und zurück kein Diesel auf der Fahrt tanken kann. So musste ich allen Sprit mitnehmen. Zuvor hatte ich schon einige hundert Liter Diesel auf dem Schwarzmarkt gekauft gebunkert.


Ich besorgte mir (zufällig) einen für einen Landrover angepassten eckigen Tank für 200 Liter. Außerdem noch 5 x 20l -Kanister. Wasserkanister, Ölkanister, Abschleppseil, Werkzeugkasten, Trinkwasser und Nahrungsmittel und wenige Klamotten. Alles mit Ketten im Wageninneren gesichert. Darüber passte noch ein Brett, so dass man nicht gleich einsehen konnte, was wir alles mit uns führten. Letztlich war der Wagen total überladen, was wir bei schlechter Straße bis Belet Uen durch Aufsetzen bemerkten. Gefundene Autoreifenteile dämmten die Stöße auf die Achse etwas ab.

Meine Begleitung war Abdi Rachid, ein in Deutschland aufgewachsener Bruder eines Schülers unserer Schule. Ich habe mich dazu entschieden, um mehr von Land und Leuten zu erfahren und um auch einen Dolmetscher bei mir zu haben, was sich auch als durchaus sinnvoll herausstellen sollte. Fahrt:

Die Strecke führte uns am ersten Tag an der fruchtbaren Landschaft des Shebelli vorbei über Gioher, Bulo Burti bis Belet Uen. (Ca. 350 km - 6 Stunden). In Belet Uen wurden wir im Gästehaus der GTZ untergebracht. Experten für ein Aufforstungsprogramm und Tierärzte waren vor Ort. Dr. Zessin zeigte uns einige Projekte in der engeren Umgebung.
Wasserentnahme im Shebelle und Wiederaufforstungs-anlagen – passive Wiederaufforstung, was so viel bedeutete wie das Absperren von Land vor Ziegen. Abends gemütliches Beisammensein, natürlich auch mit ein paar Bier. Ich bunkerte 2 Kanister Diesel für die Rückfahrt.

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italienische Straße
italienische Meilensteine - noch aus der Kolonialzeit
- aktive Wiederaufforstung, passive Aufforstung - durch Erdwälle wird das Wasser zurückgehalten

Dr. Zessin und Abdi bei der Wasserentnahmestelle am Shebelle

Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass ich am Tag zuvor viel zu wenig getrunken hatte. Im Landesinneren stiegen die Temperaturen auf 40 Grad, aber trockene Luft und Fahrtwind ließen uns das nicht spüren.

Nach Belet Uen begann die damals relativ neue Straße nach Norden (fast eine Autobahn), von den Chinesen gebaut. Immer wieder trafen wir Leute an der Strecke, die noch alte gelbe Ölkanister mit chinesischen Schriftzeichen als Wasserflaschen benutzten.

Nach einem Abzweig – geradeaus führte die Straße nach 1200 km nach Addis - Grenze geschlossen) fuhren wir nach Norden bis Las Anod. Die Strecke war eine eintönige Dornensavanne geprägt durch abwechslungsreiche Termitenbauten. Wir passierten einige kleine Wohngebiete, in denen wir süßen Tee tranken ( gesättigte Zuckerlösung – das Beste bei Hitze) und das Nationalgericht aßen, Leber kleingeschnitten mit Zwiebel. Nach Garoe führte der Weg nach Nordwesten. Unterwegs trafen wir immer wieder auf Kamele, Ziegen, Dik-Dik´s (Antilopenart) – schmecken gut) und Warzenschweine. Bei jeder Ortschaft passierten wir einen Check-Point des Militärs, sie ließen uns jeweils weiterfahren bis wir nach Calcaio kamen. Es liegt der äthiopischen Grenze nahe. In der Nacht zuvor soll dort geschossen worden sein. So mussten wir mit LKW´s mitfahren, auf denen sich somalische Soldaten niederließen. Sie saßen oben auf der Ladung mit Maschinengewehr im Anschlag. So fühlten wir uns erst recht gefährdet. Langsam aber stetig entfernte ich mich von den LKW´s und nach eine Kurve gab ich Gas. Man wusste ja nicht, wie unsere „Beschützer“ darauf reagieren.

So erreichten wir abends Las Anod und suchten ein „Hotel“. Im besten Hotel der Stadt bezogen wir ein 3-Bettzimmer (Dusche mit Büchse, Plumpsklo), noch ein Mitübernachtender wurde einquartiert, nachdem Abdi die Bewacher des ebenfalls nach Norden reisenden Innenministers davon überzeugen konnten, dass wir ihnen nichts tun. Mein Begleiter ist mit dem Minister verwandt.

Nur wohin mit dem Auto? Nach einem Tipp stellten wir es in der Polizeistation unter – wollten es unterstellen. Es war schon nach 18.00 Uhr und dunkel, also fuhr ich mit Licht in die Polizeistation ein – da sah ich im Lichtkegel, wie ein Polizist sein Gewehr gegen uns richtete – im Anschlag und mit somalischem Geschreie, das ich natürlich nicht verstand: Stoppen, Licht aus, spärliche Innenbeleuchtung an und Hände hoch. Abdi stieg langsam aus und klärte noch mit großem Abstand und lauter Stimme unser Anliegen. Auch ich stieg erst zu Sicherheit aus, bevor wir schließlich sicher parken konnten. Nach dem Abendessen mit einem freundlichen und eingeladenen somalischen Helfer, wir waren gerade ins Bett gegangen, trafen auch die restlichen Bewacher des Ministers mit Getöse im Hotel ein. Mein Eindruck vom Norden des Landes – die Menschen sind sehr freundlich und verhielten sich dezent – mag wohl auch an meiner somalischen Begleitung gelegen haben.
Am dritten Tag unserer Reise fuhren wir bis Burao. In einem Medical Camp, durch die Amerikaner errichtet, trafen wir auf einen Freund Abdi´s, einem Arzt, der dort mit anderen Bediensteten des Hospitals von Burao wohnte. Das Camp war mit allem ausgestattet, was ich sonst noch nie in Somalia vorfand. Riesiger amerikanischer Kühlschrank, Waschmaschine, Trockner, Herd – aber es gab keinen Strom – nur einen kleinen Dieselgenerator. Die Toiletten waren ausgestattet mit Wasserspülung – es gab kein fließend Wasser – und 8 Jeeps, von denen funktionierten noch drei – aber es gab kaum Diesel. Das Camp wurde vier Monate zuvor durch die Amerikaner übergeben.

Wir begleiteten den Arzt zu seiner Arbeitsstelle, einem Büro mit leerem Schreibtisch, kahlen Wänden und nicht sehr sauber. Er organisierte dort Lebensmittelhilfe, Impfberatung und Schwangerschaftsberatung.

Aus diesem Zimmer konnte ich mit Vorsicht ein Foto schießen, wie ein Militärlaster mit Hilfsgütern beladen wurde – Hilfsgüter, eigentlich für die Bevölkerung gedacht.

Viel war wohl nicht zu tun, so aßen wir in der Stadt. Dabei fielen mir besonders die Servietten auf. Sie bestanden aus China importiertem Zeitungspapier, die chinesischen Schriftzeichen noch zu erkennen.

Am nächsten Tag fuhren wir über Upper-Sheik, Berbera am Golf von Aden bis Hargeisa. Sheik , einem hoch gelegenen Ort, angenehm kühl, dort lebte Abdi´s halbe Verwandtschaft, die er auch alle begrüßte. Der Vater von Abdi, einem ehemaligen Botschafter Somalias in Bonn, kam aus dieser Stadt. Die Schwester des Innenministers begrüßte uns mit einem Tee. Sie lebte dort vom Verkauf von Zucker, Tee, Schlössern, Kerzen, Batterien – ich glaube das war´s schon fast. Die Menschen dort leben sehr einfach, müssen sehr genügsam sein und sind sehr freundlich fast unterwürfig mir gegenüber – sie küsste mir die Hand. Ich war erschrocken.

Die Landschaft bergig, abwechslungsreicher, schön, aber es hatte lange nicht mehr geregnet. Die Menschen sprachen uns an und fragten uns, wann denn die Regenzeit endlich beginnen würde – und diese Frage hörten wir mehrmals.
Als wir weiterfuhren, saß ein Bekannter Abdi´s mehr oder weniger auf der Handbremse – gefragt war ich nicht worden, das ist halt so. Die Handbremse benötigte ich fast nie.

Eindrücke von der Reise - Plötzlich stand mitten auf der Straße eine Baobab - nach dem Foto musste ich allerdings für das Bild bezahlen - Wassergeld

Termitenhügel - Berge im Norden
Warzenschweine - Vögel

Schließlich erreichten wir, nach Berbera an der Küste, Hargeisa. Dort fragten wir uns zum Hospital durch und trafen auch auf Christine, die für das Notärzte-Komitee im Hospital in Hargeisa arbeitete. Ich traf sie vor einigen Wochen bei einem Botschaftsempfang in Mogadischu und sie lud mich ein, mal nach Hargeisa zu fahren. Ich kam dort unter, Abdi blieb bei Verwandten.

Kaum angekommen fuhr ich (Wochenende) mit Helmut, einem der Ärzte, zurück nach Berbera ins Wochenende. Wir übernachteten dort mit Leuten anderer internationaler Organisationen am Strand bei ca. 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Im Golf von Aden wurde viel geangelt, aber außer kleinen Köderfischen nichts gefangen. Dort sah ich meine ersten Delphine. Ich befand mich ziemlich genau gegenüber von Aden im Jemen, wo wir mehrmals auf unseren Flügen zwischengelandet waren und ich erstmals in meinem Leben heiße feuchte Luft verspüren musste.

Am kommenden Nachmittag ging´s zurück nach Hargeisa und ich hatte mit Helmut die Möglichkeit, deren Einsatz in Somalia kennen zu lernen. Sehr schnell stellte sich bei mir Hochachtung ein, über all das, was das Komitee dort errichtete und leistete – und das für eine kleine finanzielle Entschädigung.

Bekannt ist das Komitee durch „Cap Anamur“, dem Rettungsschiff für Vietnam-Flüchtlinge (1979), gegründete durch Rupert Neudeck.

Ursprünglich engagierte sich das Komitee in Somalia gegen die Cholera-Epidemie vorzugehen. Neben den rein medizinischen Aufgaben spielte Helmut auch den Hausmeister in der Klinik, den es nicht gab. Er sorgte für Wasser und die Stromversorgung. Mit Helmut waren noch Dorle (Ärztin) und Christine (Krankenschwester) vor Ort tätig.

Hof des Ärzte-Komitees - Wasserversorgung
Flaschen werden für das Hospital gekennzeichnet - Bedien
stete
Helmut, der Doktor - Bedienstete
Wir besuchten die Klinik, alle Stationen und die geschlossene Psychiatrie.
Bei einem Patienten mit einer Schussverletzung, Helmut hatte gerade seine blaue Arbeitshose an, zog er aus seiner Meterstabtasche eine Antibiotika - Spritze. Dabei erklärte er mir das Problem mit Infektionskrankheiten und der Verabreichung von Antibiotika. Vor einiger Zeit wurden bei einem Transport von Medikamenten kistenweise Antibiotika gestohlen und mehr oder weniger wie Aspirin an die Bevölkerung verkauft. Nun zeigte sich oft nach der Verabreichung keinerlei Wirkungen mehr.

Die Spritze hatte Helmut aber nur zufällig dabei, um sie als neuere Technik chinesischen Ärzten vorzustellen.

Wir besuchten noch einen Leprakranken, der auch unter Choleraverdacht stand. Er war abgesondert an der Außenwand der Klinik in einem Zelt untergebracht - neben dem Leichenhaus. Mit Nahrung versorgt wurde er durch Angehörige, die von außerhalb kamen.

In der Psychiatrie fand ich Menschen vor, hinter Eisengittern nackt auf Betonboden liegend. Ebenso sah ich Menschen an der Wand angekettet.
Das Komitee hatte auf die Führung in der Psychiatrie keine Einwirkungsmöglichkeiten.

Am Folgetag zeigte mir Helmut noch das Gelände eines ehemaligen Flüchtlingslagers (somalisch-äthiopischer Krieg) bei den höchsten Bergen Somalias gelegen.

Die Mitarbeiter des Komitees traf ich immer mal wieder, als sie nach Mogadischu kommen mussten, um dort einiges zu erledigen. Sie konnten dann in meinem kleinen Haus übernachten. Rupert Neudeck, selbst einmal
zu Besuch, dankte mir dies mit Widmungen in seine Bücher – 18.11.86 .

An dieser Stelle auch meinen Dank an die Mitarbeiter,
durch die ich in dieser Zeit viele neue Einsichten gewinnen konnte.

Blick aug Hargeisa - ehemaliges Flüchtingslager
Nun ging´s wieder zurück. Zunächst bis Burao, wo Abdi und ich bei seinem Freund und Arzt übernachten konnten. Abdi wollte überraschend bei seinem Freund bleiben, so fuhr ich alleine weiter bis Belet Uen – eine 12 Stundenfahrt. Dort wieder Übernachtung bei den Tierärzten. Voll getankt mit meinem dort gebunkerten Diesel kam ich am Folgetag gegen 14.00 Uhr in Mogadischu an – gesund und mit vielen neuen Eindrücken.